Die Wurzel des Problems

veronika-hoeller Allgemein, Gewaltprävention Kommunikation , , , , , , , , , ,

Ein Kommentar auf Facebook hat mich heute animiert, diesen Artikel zu schreiben. Eine Mutter fragte in einer Facebook Gruppe, ob es in Ordnung ist in der ersten Klasse schon „Sexualkunde“ zu unterrichten. Daraufhin war die Kommentarschlacht eröffnet 😊 Die Geister schieden sich, von es ist alles in Ordnung bis hin zu, man würde den Kindern ihre Unbeschwertheit nehmen. Wie es bei Facebook so oft ist, nimmt niemand ein Blatt vor dem Mund oder bleibt sachlich … es wird direkt hässlich und gemein. Menschen die sich dafür ausgesprochen haben wurde unterstellt, dass sie keine Kinder haben, nicht erziehungsfähig sind usw. Andere wollten selber entscheiden, wann sie ihre Kinder aufklären, es war eine gewaltige Wortschlacht.

Mir hat es wieder einmal gezeigt, wie brisant das Thema ist und welche gewaltigen Gefühlslawinen., dieses Thema auslöst.

Sexualkunde in den ersten Grundschulklassen

Zur Beruhigung für alle Eltern, Sexualkunde ist nicht gleich Sexualkunde. Wenn in den ersten Klassen Sexualkunde stattfindet, dann wird hier nicht der Akt unterrichtet, sondern:

  • Es geht um Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen
  • Dem Körper an sich
  • Gefühle usw.

Viele Eltern hören nur das Wort „Sexualkunde“ und denken gleich an Erwachsenensexualität. Hier kann ich alle Eltern beruhigen, redet mit eurem Lehrer/innen fragt genau nach, welche Themen, wann behandelt werden. Alle Unterrichtsthemen werden schon beim ersten Elternabend besprochen und wenn man Probleme mit dem Unterricht hat, kann man dies direkt an diesem Elternabend ansprechen und diskutieren.

Für die Gewaltprävention

Umso eher sich unsere Kinder mit ihrem eigenen Körper auseinandersetzen, umso so besser können wir sie vor sexuellen Übergriffen schützen. Mittlerweile gibt es wunderbare Literatur schon ab 4 Jahren, welche Geburten, Körper und Gefühle wunderbar kindgerecht erklären ohne, dass wir Eltern unsere Kinder anlügen (die Geschichte vom Storch). Kinder sind neugierig, die Erkundung des eigenen Körpers fängt schon früh an und ist nichts Verwerfliches. Mit 4 Jahren zeigen Kinder meistens ebenfalls Interesse am anderen Geschlecht aber auch das hat nichts mit erwachsenen Sexualität zu tun.

Als ich mit meinem zweiten Sohn schwanger wurde, war mein erster Sohn schon 8 Jahre, er fand die Schwangerschaft aufregend und hatte eine Menge Fragen, ich habe sie ehrlich beantwortet, ohne ins Detail zu gehen, wir haben uns ein kindgerechtes Aufklärungsbuch angeschaut und alles war gut. Er war danach nicht verstört, sondern eher fasziniert das Babys, aus einem Ei und einem Samen entstehen. Und so ging es auch vielen anderen Kindern, welche noch Geschwisterkinder bekommen haben.

Das Traumbild ich möchte entscheiden, wann mein Kind aufgeklärt wird

Viele Eltern haben die Illusion, dass sie diejenigen sein werden, welche ihre Kinder aufklären. Sie möchten die Kontrolle behalten und selber entscheiden, wann sie damit anfangen. Und seien wir doch ehrlich, der richtige Moment wird einfach verpasst. Wir leben in einer sexualisierten Welt. Plakate von nackten Menschen, Werbung von Anbietern von Erwachsenenspielzeugen, welche rund um die Uhr im Fernseher laufen, Zeitschriften, Internet etc. Kinder kommen sehr früh mit dem Thema Sexualität in Kontakt, ohne das wir etwas dagegen unternehmen können.

Aufklärung heißt Schutz! Wenn mein Kind seinen Körper, seine Gefühle usw. kennt und weiß es kann auch mit diesen Fragen zu mir kommen, dann braucht es keinen dritten der die Sache erklärt oder gerät in eine Situation, welche negativ für es ausgeht. Zum Beispiel Neugier für den Körper des anderen Geschlechts-, welche zu einer Grenzverletzung führt. Alles, was heimlich ist oder wo wir Eltern ein großes Geheimnis drum herum schmieden, wirkt viel interessanter für Kinder, als wenn wir offen für Fragen sind – selbstverständlich altersgerecht und mit Hilfe von passender Literatur.

Wenn Kinder denken sie haben etwas falsch gemacht, dann vertrauen sie sich uns nicht an und werden vielleicht Opfer von sexuellen Übergriffen ohne, dass wir es je erfahren oder zu spät erfahren.

Das Benennen von Geschlechtsteilen

Viele Eltern möchten nicht, dass ihr Kind Penis, Pimmel, Scheide, Vagina usw. ausspricht. Sie verniedlichen die Geschlechtsteile und finden dafür Kosenamen.

Hier möchte ich auf einen Fall eingehen, von dem uns ein Sozialarbeiter berichtet hat:

Ein Mädchen wurde über einen längeren Zeitraum von einem Mann sexuell missbraucht. Der Vorfall kam vor Gericht und der Täter wurde freigesprochen. Weill der Richter fand, dass man nicht eindeutig sagen konnte, dass der Mann das Kind sexuell missbraucht hat, weil das Mädchen seinen Penis als Zauberstarb bezeichnet hat. Wenn das Mädchen Penis oder Pimmel gesagt hätte, dann wäre ein Freispruch unwahrscheinlicher gewesen. Es ist wichtig im Zuge zum Schutz vor sexuellen Missbrauch, dass die Kinder die Geschlechtsteile benennen können.

Eine Erzieherin kam entsetzt zu mir, weil mein Sohn im Kindergarten Pimmel gesagt hatte zu seinem Penis. Sie meinte, das ist ein hartes Wort. Da habe ich ihr den Zahn gezogen und erklärt, dass es wichtig ist, dass die Kinder die Begrifflichkeiten kennen, damit im Ernstfall er klar benennen kann was geschehen ist, ohne Verniedlichungen zu verwenden, welche vor Gericht nicht standhalten. Da kam nichts mehr…

Um wieder zurück auf den Post zu kommen, in sehr vielen Kommentaren habe ich gelesen:“ Ich will nicht.“ Wir müssen weg von dem „ICH“, denn es geht um unsere Kinder, ihren Schutz und nicht was „ICH“ gerne möchte und was nicht.  Und wenn ich Probleme mit kindlicher Sexualität oder Aufklärung habe, dann sollte man doch froh sein, dass Pädagogen das Thema kindgerecht aufgreifen und eine solide Vorarbeit zu diesem Thema leisten 😉

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